Montag, 28. Januar 2013

oh my dear elfriede...

liebste elfriede,

an dieser stelle möchte ich einmal deinen "hof- und hausregisseur" nicolas stemann zitieren: „man kann es gar nicht oft genug sagen: sie nerven, die [deine] Texte! sie sind anstrengend und penetrant.“ denn sie „greifen an, und sie zerstören. sie greifen den leser [also mich] […] an.“ stemann selbst wundert sich und auch ich bin heute an einen punkt angekommen, an dem ich über die zahlreichen literaturwissenschaftler und doktoranden, die sich mit deinen texten auseinandersetzen, nur mit dem kopf schütteln kann...und ich gehöre ja auch zu denen..."diese menschen, so schien mir dann immer, müssen entweder lügner, masochisten oder sehr unsensibel sein. ich zumindest muss nach drei seiten jelinek-lektüre schreiend aus dem Fenster springen"...ja herr stemann trifft den nagel auf den kopf...ich muss mich nun ebenfalls aus dem panoramafenster der staatsbibliothek werfen...mit anlauf durch die scheibe, auf dass es auch richtig scheppert...nein!meine liebe elfriede jelinek, eine sacher und a melange möchte ich heute nicht mehr...warum machst du das? dieses aggressive pornographische schreiben, gegen die geschlechtdichotomie, gegen alltagssexismus...aber auf die verrückteste und anstrengenste art...warum mach ich das eigentlich, warum liefer ich mich deiner wortakrobatik aus...warum habe ich mir nicht einen gefälligeren text gewählt...ja warum...wohl nur damit ich dir heute diese zeilen, die verzweifelten zeilen schreiben kann...denn eigentlich mag ich dich...auch, wenn du über deine kuscheltiere sprichst, die sex haben und sich vermehren, aber ganz bestimmt ohne dabei hass und verachtung gegen frauen zu fördern, ohne männliche macht und weibliche unterlegenheit zu propagieren und ohne die selbstwahrnehmung von frauen nachteilig zu beeinflussen...bei dir sind alle lust- und sexualitätssubjekte...da wird keiner zum objekt...ja ja...darum geht es... gerade deswegen halte ich wohl auch weiter mit dir aus...ach elfriede...ich hab´s nicht leicht mit dir...vor mir liegen tausende aufsätze, monographien etc. und die haben sich alle mit dir und deinem werk  beschäftigt...vor allem mit deinem werk...tausend verrückte...so wie ich...und die haben es auch geschafft...ich weiß, du bist bei mir...du merkst, dass sich wieder mal so ein verrückter an deinem werk vergeht...sich die zähne ausbeißt...aber ich schaffe das und deswegen springe ich nicht, sondern gehe jetzt wieder voller lust zurück an deinen romanähnlichen text LUST...
 
 

 


dein PAUL



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